Anpassung oder Authentizität – im Spannungsfeld zwischen innen und außen

In unserer durch rasante Beschleunigung und ständige Veränderungen geprägten Welt stellt sich für viele Menschen die Frage nach Authentizität auf der individuellen Ebene. Immer mehr Menschen haben den Anspruch, professionell erfolgreich und gleichzeitig authentisch zu sein. In dem oft gebrauchten Sprachbild „Ich will morgens wieder in den Spiegel schauen können” drücken sich erlebte Entfremdung und der Wunsch, mit sich in Einklang zu sein, gleichermaßen aus. In der Arbeit und im Leben als Mensch „echt” bleiben zu können und nicht nur zu funktionieren, dahin geht die Sehnsucht vieler Menschen. Das ist ein verständlicher Wunsch, der in vielen Fällen jedoch illusorisch ist. Die Illusion besteht in der Vorstellung, dass die Anforderungen an die berufliche Rolle und eigene Bedürfnisse so stark verschmelzen könnten, dass Entfremdung und soziale Zwänge vollständig aufgehoben würden.

Wir befinden uns hier in einem für uns Menschen sehr relevanten Spannungsfeld zwischen zwei Perspektiven: einer Innen- und einer Außenperspektive. Auf der einen Seiten können Menschen ihre Verhaltensweisen und ihre emotionalen, körperlichen und mentalen Zustände wahrnehmen, und sie können reflektieren, inwieweit diese mit ihren Werten, Überzeugungen und ihrem Selbstbild übereinstimmen. Gleichzeitig erzeugen Menschen durch ihre Kommunikation und ihr Verhalten eine Außenwirkung. Inwieweit diese von anderen als „echt” oder „authentisch“ wahrgenommen wird, ist in erster Linie abhängig von deren Erwartungen und Bildern.

Die Beurteilung der „Echtheit” von Menschen liegt also im Auge der Betrachter und bezieht sich fast immer auf die Person und die Rolle, in der Menschen gerade wahrgenommen werden. Was in einer Situation – zum Beispiel in der Rolle als alter, vertrauter Freund – als „echt” wahrgenommen wird, kann in einer anderen Situation zum Beispiel in der Rolle als professioneller Coach – unangemessen und aufgesetzt wirken. Hier haben die mit sozialen Rollen verknüpften Erwartungen einen starken Einfluss. Oft ist unser Verhalten Ausdruck einer Anpassung an die Anforderungen und Erwartungen an eine Rolle oder an unsere eigenen Ansprüche und Ziele ist. Oder es ist Ausdruck der Unsicherheit und Angst vor möglichen Konsequenzen authentischen Verhaltens.

Im Spannungsfeld zwischen innen und außen ist es oft heikel, den inneren Zustand in Kommunikation und Verhalten aufrichtig auszudrücken. In vielen Situationen ist es genauso wichtig, die Wirkung auf das Umfeld und dessen Erwartungen angemessen zu berücksichtigen. Insbesondere im beruflichen Kontext ist es wichtig, dass wir in der Lage sind, die mit den Rollen verknüpften Aufgaben und Erwartungen gut zu erfüllen. Und zwar so zu erfüllen, dass unser Verhalten möglichst den Werten und der Kultur der Organisation bzw. des Umfelds entspricht. Das heißt, wir passen unser Verhalten bewusst oder automatisch an und nutzen dabei die Aspekte unserer Persönlichkeit, die für die Bewältigung der Situation hilfreich sind.

Aber sind wir dann „echt’? Ist die Führungskraft „echt”, wenn sie trotz zunehmender Anspannung und persönlichem Stress die Besprechung „professionell“ strukturiert und zielorientiert zu Ende bringt anstelle die eigenen emotionalen Befindlichkeit Ausdruck zu verleihen? Es ist offensichtlich, dass ein aufrichtiger Ausdruck der eigenen Befindlichkeit in vielen solcher Situationen nicht angemessen ist oder zumindest als nicht angemessen empfunden wird. Aber wo ist die Grenze? Wo beginnt der Bereich, in dem situative Anpassung zur Entfremdung wird? Wo ich mich und meine Werte und Überzeugungen in meinem Verhalten nicht mehr in genügendem Maße wiederfinde?

Wenn nun die erforderlichen Anpassungsleistungen dauerhaft zu einseitig werden und/oder das erforderliche Verhalten dauerhaft stark von den eigenen Überzeugungen und Werten abweicht, kommt es zu Überlastung und Entfremdung. Unter dem emotionalen Druck erleben Menschen sich dann als überfordert und ihre Situation als fremdbestimmt. In diesem Belastungszustand ist es wichtig, durch die Einnahme einer Beobachterhaltung bewusst Abstand zum Innen und zum Außen herzustellen und beide Perspektiven näher zu betrachten. Durch Selbstwahrnehmung und Kontextanalyse kann man untersuchen, welche realistischen Möglichkeiten es gibt, den inneren Zustand so zu regulieren und die äußeren Gegebenheiten so zu beeinflussen, dass insgesamt mehr Stimmigkeit zwischen Innen und Außen möglich ist.

Dabei ist es zum einen wichtig zu erkennen, was von mir in einer bestimmten Rolle erwartet wird. Und das ist oft unabhängig von meiner Person, da in einem sozialen System die Erwartungen an eine Funktion oder Rolle gerichtet werden und auf vorhandenen Beziehungs- und Erwartungsmustern aufbauen. Zum anderen ist es wichtig, mir klarzumachen, was meine Werte und Überzeugungen sind. Diese geben mir Orientierung – sofern es wirklich meine eigenen sind und nicht unreflektierte Überbleibsel meiner familiären Sozialisierung.

Möglicherweise macht gerade die Fähigkeit, sich in unterschiedlichen Rollen bewegen und unterschiedliche Aspekte von sich einbringen zu können, einen Teil unseres Wesens aus. Authentisch zu sein, würde dann bedeuten, die Anforderungen von innen und die Anforderungen von außen immer wieder in ein stimmiges Verhalten und Sein zu integrieren, die eigenen Bedürfnisse immer wieder in Einklang zu bringen mit den Notwendigkeiten der Situation.

Die Bedeutung dieses Themas wird uns Menschen im zunehmenden Maße bewusst. Vor allem im beruflichen Kontext gilt es für Menschen, die Verantwortung übernehmen auf Basis einen stabilen Persönlichkeit dieses Spannungsfeld zu erkunden und für sich und sein Umfeld zu klären und ggf. Erwartungen auch ganz erwachsen zu verhandeln.

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